Karwendelgebirge – Übersicht

Das Karwendelgebirge befindet sich auf der deutsch-österreichischen Grenze. Etwa ein Fünftel des Gebirges liegt als Vorkarwendel im bayerischen Landesteil und der Großteil im öster­reichischen Bundesland Tirol. Der deutsche Teil gehört zur Großlandschaft Deutsche Alpen und zur naturräumlichen Haupteinheit Nördliche Kalkhochalpen. Der Exkursionspunkt Engalm befindet sich in der Marktgemeinde Vomp in Österreich.

Begrenzt wird das Karwendelgebirge durch die Isar im Norden und im Westen sowie durch den Inn im Süden. Die östliche Begrenzung erfolgt durch den Achensee und dessen Abfluss im Nordosten. Die Ost-West-Ausdehnung beträgt zwischen den Ortschaften Jenbach und Scharnitz etwa 40 km, sowie etwa 30 km in der Nord-Süd-Achse zwischen Fall am Sylvensteinsee und Mils bei Hall. Durch drei in nahezu West-Ost-Richtung verlaufende Talfurchen wird das Karwendel­gebirge in vier mächtige Gebirgsketten untergliedert. Diese werden zumeist nach den südlich begrenzenden Tälern benannt. Daraus ergibt sich als südlichster Gebirgszug die Inntal- oder Solsteinkette. Davon nördlich befindet sich die Gleirsch-Halltalkette. Die dritte Kette bildet den höchsten und mächtigsten Gebirgszug als Hinterautal-Vomperkette mit der 2749 m hohen Bikkarspitze im Zentrum des Karwendels, hieran grenzt das Tal der Engalm, sie liegt auf 1.250 m Seehöhe. Im Nordosten bildet die Nördliche Karwendelkette den Abschluss des Karwendelge­bir­ges. Das Almdorf Engalm liegt im Naturschutzgebiet Karwendel. Es ist mit einer Fläche von 727 km2 das größte und älteste Tiroler Schutzgebiet und der größte Naturpark Österreichs. Der Naturpark wurde 1928 eingerichtet.

 

Abb. 73: Lage des Exkursionsgebiets Karwendelgebirge bzw. des Engtals (EHRHARDT ET AL., 2017).

Hohe Niederschläge sowie ein ausgeprägter Winter mit erheblichen Schneemengen kennzeichnen das Klima der Nördlichen Kalkalpen und wird dem atlantisch geprägtem Klima zugeschrieben. Dieses variiert jedoch je nach Höhenstufe und Exposition im Karwendelgebirge stark. Durch die hohen Gebirgs­züge direkt am Alpenrand kommt es zu Staulagen der feu­chten Luftmassen, was beim Aufsteigen zur Abkühlung, Kondensation und hohen Niederschlägen führt. Diese können in den höheren Lagen über 2000 mm betragen und nehmen zum In­n­tal hin auf unter 1000 mm deutlich ab. Die mittleren Jahrestemperaturen liegen in den Tallagen zwischen 6-8 °C. Neben der Temperatur und den Niederschlägen ist der Föhn je nach lokalen Relief- und Expositionsverhältnissen von großer Bedeutung für die Um­welt. Durch seine austrocknende Wirkung begünstigt der Föhn die Entstehung von Waldbränden, zudem verursacht er die Einträge von mineralischen Stäuben aus den südlich gelegenen Zentralalpen sowie aus der Sahara (Wetzel et al., 2015).

Aufgrund der klimatischen und topographischen Gegebenheiten verfügt das Karwendel über einen überdurchschnittlich hohen Anteil an natürlichen Lebensräumen wie Urwälder und Wildflüssen und beherbergt eine hohe Artenvilefalt: Viele typischen Tier- und Pflanzenarten der Alpen wie Steinadler, Flussläufer und Deutsche Tamariske (Auwaldpflanze) haben hier bedeutende Vorkommen. Das Karwendel bestitz aber auch eine 150-jährige alpintouristische Geschichte und wird jährlich von ca. 1 Mio Menschen besucht. Auch klassische Nutzungsformen wie Alm- und Forstwirtschaft, sowie die Jagd spielen eine Rolle und prägen das Gebiet seit Jahrunderten. Der Bergbau, insbesondere der Salzbergbau war hat das Gebiet großflächig beeinflusst. Durch den hohen Bedarf an Holz zum Abstützten der Stollen und zur Verhüttung wurden viele Wälder gerodet. Heute sind etwa 50 % des Karwendel bewaldet, davon ist 70 % Bundesforst. Etwa 512 ha sind als Naturwaldreservate ohne forstliche Nutzung geschützt (Naturpark Karwendel, 2016). Die Wälder finden sich in den Tallagen und niedrigeren Südhängen des Karwendel­gebirges und sind von Nadelbäumen, insbesondere Fichten, dominiert. Während die Fichten in Höhen ab 1600 m bis zur Baumgrenze zumeist als einzige Baumart vorkommen, sind diese in geringeren Höhen als Mischbaumart vorzufinden. Buchen und Ahorne vervoll­ständigen den Baumbestand in den Mischwäldern, und bilden vereinzelt auch reine Laubwälder. Die sehr widerstandsfähigen Lärchen, Latschen und Zirbelkiefern erzeugen ebenso Nadelbaumbestände, welche bis zur Wald­grenze auftreten können. Landwirtschaft findet an den Rändern des Gebirges entlang der Flussläufe und Sied­lungs­gebiete statt.

Eine sehenswerte Besonderheit im Karwendelgebirge stellt der „Große Ahornboden“ dar. Dieser befindet sich in einer Höhe von 1200 m mitten im Gebirge und erstreckt sich über eine Fläche von 240 ha. Auf der dortigen Wiese wachsen über 2200 Ahorn­bäume (Bergahorn), von denen einige Exemplare ein Alter von etwa 600 Jahren aufweisen. Abgestorbene Bäume werden regelmäßig nachgepflanzt. Auch Blütenplfanzen sind im Karwendel zahlreich vertreten. Alpenrosen sind dabei an Hängen anzutreffen und bedecken diese weiträumig. Bergprimeln bewachsen eher einsame Stellen, besonders an steilen Südhängen. Weiterhin findet man Steinröserln, Alpenfettkraut, Frauenschuh, Mehlprimel sowie Edelweiß.

Das Karwendelgebirge gehört zum deckentektonisch-faziellen Hauptelement Ostalpin der Alpen und dort zu den Nördlichen Kalkalpen mit größtenteils unmetamorphen, mesozoisch gebildeten Gesteinen, die an der Basis z.T. von deformierten Gesteinen der varizischen Grauwackenzone unterlagert werden (s.o. Geologie der Alpen).   Diese Gesteine sind fast aus­schließ­lich versteinerten Meeressedimente, welche im Trias, Jura und Kreide abgelagert wurden (Abb. 45).

Der südliche Teil des Karwendelgebirges besteht überwiegend aus Gesteinen der Mitteltrias. Diese sind in unterschiedliche lithostrati­graphische Einheiten unterteilt. Die Reichenhaller Schichten repräsentieren dabei den Beginn der Karbonatsedi­mentation in der Alpinen Trias und bestehen zusammen mit dem Alpinen Muschel­kalk aus dunkleren Kalken und den charakteristisch porö­sen Rauhwacken (Bayer, 2009). Im Ge­gen­satz dazu sind die Wettersteinkalke helle, massige Gesteine, welche durch Kalkschwämme und kalkabscheidende Mikroorganismen wie z.B. Algen im Riff­be­reich entstanden sind. Größere Hohlräume wurden nachträglich mit Kalk verfüllt und sind als sog. Großoolithe gut erkennbar. Ebenso sind im Südwesten Gesteine der Obertrias anstehend, welche tief in die Mitteltrias hineinragen. In Senken sind quar­täre Lockergesteine vorzufinden. Buntsandstein tritt vereinzelt und kleinräumig auf und bildet damit die ältesten Gesteine des Karwendelgebirges.

Der nördliche Teil des Karwendelgebirges ist aus Gesteinen der Obertrias aufgebaut, welche sich noch bis in das Bayerische Alpenvorland erstrecken. Auch diese werden in lithostratigraphische Einheiten untergliedert, wovon der Hauptdolomit dabei den größten Teil des Vorkarwendels bildet. Die Sedimentation des ehemals kalkigen und teilweise bituminösen Schlicks erfolgte in Bereichen von seichten Lagunen unter salzübersättigten Bedingungen. Kurz darauf wurde das Sediment frühdiagenetisch in Dolomit umgewandelt und ist heute in gebankten Lagen anstehend oder stark ver­grust auf vegetationslosen Schutthalden. Die jüngsten Teile des Hauptdolomites bil­den die Plattenkalke. Diese treten im Übergang zum Hauptdolomit durch zuneh­mende Kalkbänke hervor und bestehen aus dunkleren, bituminösen Kalken mit Karst­erscheinungen (Bayer, 2009). Weiterhin wird das Karwendelgebirge im nörd­lichen Teil von einem Streifen der Jura- und Kreidegesteine nahezu entlang der Ost-West-Achse durchzogen. Am Kuhjoch im Bächental südlich vom Sylvensteinsee ist eine weltweite Referenzstelle, die die Grenze von Trias zum Jura vor 200 Mio. Jahren markiert (Naturpark Karwendel, 2016). Quartäre Lockergesteine wie Moränen und Schotter sind auch im nördlichen Karwendel ver­treten. In größeren Mengen treten diese entlang der Flussläufe auf.

Abb. 74: Geologische Karte des Karwendelgebirges mit eingezeichneten Exkursionspunkt 17 der Engalm (Tirolatlas, 2018).

Die Standortfaktoren der Bodenbildung weisen bedingt durch die Gebirgsmor­pho­lo­gie sowohl vertikal als auch horizontal sehr hohe Variabilitäten auf kleinen Flächen auf (Abb. 75, Stahr, 2014), was zu einer hohen Diversität der Gebirgsböden führt. Böden un­ter­schiedlicher Entwicklungsstadien kommen daher häufig auch kleinräumig neben­ein­ander vor. Prägend sind dabei die Einflüsse von Erosion und Ablagerung von Gesteins- und Bodenmaterial. Charakteristisch für Gebirgsböden im Allgemeinen sind ein hoher Skelettanteil sowie ein verringerter Streuabbau.

Abb.75: Schema der Verteilung von Bodentypen der Nördlichen Kalkalpen in Abhängigkeit von der Höhenlage und der Exposition (Stahr, 2014).

Da an den Nordhängen die physikalische Verwitterung stark auf die Kalkfelsen ein­wirkt, kommt es dort zunächst zur Zerkleinerung und Vergrusung des anstehenden Gesteins. Gravitative Verlagerung des so aufgelockerten Materials hangabwärts ver­hin­dert in höheren Lagen die weitere Bodenbildung und die Entwicklung mineral­ischer Unter­bodenhorizonte. Typische Böden der subnivalen Höhenstufe sind die zu den terrestrischen Rohböden zählenden Syroseme (4) mit initialen A-Horizonten auf massivem Festge­stein sowie Lockersyroseme (5) auf Lockergestein. Hangabwärts in nördliche Richtung treten in der subalpinen und montanen Stufe O/C-Böden auf. Dazu zählen die Felshumus­böden (3) mit bis zu mehrere Dezimeter mächti­gen Humusauflagen sowie die Skeletthumusböden (2) mit Humusmaterial in den Zwischenräumen des Gesteinsschutts. Aus dem Fehlen von Ton-Humus-Verbin­dungen ergibt sich für die Fels- und Skeletthumusböden eine hohe Erosions­an­fäl­lig­keit gegenüber Niederschlägen. Bei mächtigeren Humusauflagen kann im Kontaktbereich zwischen den O- und C-Ho­ri­zonten ein Ovh-Horizont ausgebildet werden. Dieser bereits vererdete Horizont, der im feuchten Zustand auch krümelig und schmierig sein kann, wird durch die Ei­gen­schaften des unterliegenden Gesteins beeinflusst. So weist dieser durch das karbonatische Festgestein einen erhöh­ten pH auf. Diese Humusform wird als Tangel­humus bezeichnet. Bei weiterer Entwicklung in niedrigeren Lagen kommt es zur Bildung von Ah-Horizon­ten und somit zur Entstehung des Bodentyps Rendzina (1) als Ah/C-Boden. Diese entsteht sowohl auf festem als auch auf lockerem Karbonatgestein. Die organische Auflage entspricht zumeist der Humusform Mull. Rendzinen aus Kalk oder Dolomit sind sehr flachgründig und zumeist stark skeletthaltig. Humusreiche Unterböden ge­hen auf eine Entwicklung aus den Skeletthumusböden zurück. Ebenso kann aus dem Karbonatgestein durch Anreicherung toniger Lösungsrück­stän­de der Bodentyp Terra fusca entstehen.

Auf eiszeitlichen Ablagerungen wie Grundmoränen sind Braunerden (6) anzutreffen. Bedingt durch das weichere Substrat treten diese auf den sanfteren und tiefer­lie­gen­den Landschaftsformen auf. Durch die tiefgründige Bodenentwicklung und infolge des Quellenreichtums unterliegen die Stand­orte der Braunerden in den Nördlichen Kalkalpen häufig der almwirtschaftlichen Nutzung. Hohe Anteile von Schluff und Ton führen häufig zu einer diffus ausgeprägten Haftnässepseudovergleyung was eine hydromorphe Über­prägung der Braunerden zur Folge hat. Weiterhin tritt die Braun­er­de unterhalb kolluvialer Decken (7) auf. Podsole und podsolierte Böden spielen in den Nördlichen Kalkalpen eine eher unter­geordnete Rolle, treten aber dennoch in Bereichen spätglazialer, sandig-grusiger Soli­­fluk­tions­schuttdecken über mergeligen bis kieseligen jurassischen Sediment­gestei­n­en auf oder Residuallehmen unter schwer abbaubarer Streu von Latschen­ge­büsch und Heidelbeeren. Daraus ergibt sich in der Regel Rohhumus oder roh­humus­artiger Moder als Humusform. Die Podsolierung kann trotz der hohen Karbonatge­halte stattfinden, da diese durch den hohen Skelettanteil, durch silikatische Kompo­nenten, durch saure organische Auflagen und durch das feucht-kühle Klima begün­stigt wird. Weitere Bodentypen der Nördlichen Kalkalpen sind Pseudogleye, die auf wasser­­stauenden Substraten entste­h­en oder als besondere Erscheinung durch zeit­weiliges Bodeneis als Wasserstauer im gefrorenen Un­ter­grund gebildet werden. Zu­dem treten Gleye als grundwasserbe­ein­flusste Böden mit redoximorphen Merkma­len wie Bleich- und Oxidationsflecken auf. Vereinzelt sind auch kleinere Nieder­moo­re als organische Böden auf tonreicherem Moränenmaterial zu finden (Stahr, 2014).

Abb. 76: Übersichtskarte der Bodentypen im Karwendelgebirge und in den Kocheler Bergen. Öster­reichische Klassifikation mit eingezeichneten Exkursionspunkt 17 der Engalm (Tirolatlas, 2018).

Bedingt durch die geologischen Verhältnisse haben sich die Böden im Karwendel­gebirge überwiegend aus karbonatischen Gesteinen entwickelt. Dabei ist die Rend­zina der dominierende Bodentyp, der weiträumig im Karwendel vertreten ist. Im nord­östlichen Bereich tritt Terra fusca (Kalksteinbraunlehme) auf, die sich als Streifen auf den Gesteinen der Jura und Kreide nach Westen hin durchzieht. Braunerden sind inselartig verteilt und treten meist in Talsenken entlang der Flussläufe auf. Westlich des Achensees treten karbonatische Schotterfluren auf.

Karwendelgebirge, Engalm

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